Zuerst zu den Tigern | ZEIT ONLINE

Warum ist ausgerechnet Jürgen Osterhammel auserkoren worden, zum 60.
Geburtstag der Kanzlerin zu sprechen? In Fachkreisen war der Konstanzer Historiker seit Langem
hochgeschätzt, und einem großen Publikum war er bekannt, seit 2009
Die Verwandlung der
Welt

erschien, seine so dickleibige wie beeindruckende Globalgeschichte des 19.
Jahrhunderts. Doch die Rolle des
public intellectual
hatte Osterhammel immer
vermieden. Das qualifiziert ihn offenbar: Auch in seinem Vortrag vor der Kanzlerin machte er
keinerlei Konzession an die Politprominenz und präsentierte, mit feinem Humor, überaus
gelehrte Überlegungen zu den Zeithorizonten der Geschichte.

Nachlesen lässt sich die Rede nun in einem vorzüglichen Essayband, der unter dem Titel
Die Flughöhe der Adler
unveröffentlichte und entlegene Aufsätze Osterhammels versammelt, die der “ubiquitären Denkfigur” der Globalisierung zu Leibe rücken. Der Autor plädiert für einen äußerst skeptischen Umgang mit diesem Konzept und listet sorgfältig Einwände auf, etwa gegen die gängige teleologische Vorstellung, dass die Dinge in der Welt immer dichter zusammenhängen und immer intensiver in Wechselwirkung treten. Verknüpfungen allein seien noch keine aufregende Nachricht, es komme auf die Qualität dieser Verbindungen an. Überdies unterstreicht er, dass die immer beliebter werdende “Globalgeschichte” keineswegs in der Geschichte von der Globalisierung aufgehe. Sie zeichne sich vielmehr durch den Fokus auf begrenzte Räume aus, jedoch mit dem Bewusstsein dafür, dass sie in globalen Zusammenhängen stehen.

Vertiefte Debatten über das Konzept der “Globalisierung” finden sich in den ersten beiden Kapiteln des Bandes. Die verbleibenden Texte greifen das Kernthema der Anthologie – das “Umkreisen des Globalen” – in verschiedener Hinsicht auf. Ein besonders ergiebiger Beitrag widmet sich der “Protektion im Zeitalter der Imperien und danach”. Die Kategorie des Schutzes gehört, wie der Historiker feststellt, im westlichen Denken zwar nicht zum Grundrepertoire des theoretischen Weltbezugs, ist aber doch präsent.

Osterhammel betont, dass die globale Ausbreitung des Kapitalismus keineswegs dazu geführt habe, die Utopie der allgemeinen Daseinsvorsorge wirklich werden zu lassen. Vielerorts sei Schutzlosigkeit ein Massenschicksal, und dies gelte auch für Industrienationen wie die Vereinigten Staaten. Im Feld der internationalen Politik nehme zumindest theoretisch der Schutz existenziell bedrohter Gruppen inzwischen eine wichtige Rolle ein. Doch bleibe eine schwer zu lösende Spannung zwischen einem Gewalteinsatz, seinen Neben- und Spätfolgen und dem unmittelbaren humanitären Nutzen bestehen. Osterhammel endet mit einer Warnung in aktueller Absicht. “Aus Schutzbedürfnis vermag paranoide Einigelung zu werden. Schutz parzelliert und hierarchisiert ganze Gesellschaften.”

In eine ganz andere Welt des Schutzbedürfnisses führt der Essay
Menschenfresser und Bettvorleger,
der mit einem Geständnis des Autors beginnt: “Bei jedem Zoobesuch zieht es mich zuerst zu den Tigern.” Seine Ausführungen zum Tiger in einer kolonialen Welt will er nicht als einen Beitrag zur trendigen
animal history
verstanden wissen, sondern als Mischung von “Privatthema” und langjähriger Beschäftigung mit dem Kolonialismus. So ist eine vergnüglich zu lesende Darlegung über den Tiger entstanden, die den erstaunlichen Imagewandel von einer menschenfressenden Bestie zu einer bedrohten Majestät nachzeichnet. Im kolonialen Indien und im “Mutterland” Großbritannien speiste sich aus vielen Quellen ein düsteres Tigerbild, wie es schließlich Rudyard Kipling in seinem
Dschungelbuch
in Gestalt von Shere Khan mit weltweiter Resonanz verewigte. Der Tiger nahm dämonische Züge an, galt als heimtückisch und verschlagen. Die Tigerjagd, praktiziert teils aus Notwendigkeit, teils als Sport für Gentlemen, sorgte in Verbindung mit dem Bevölkerungswachstum und der Urbanisierung im Verlauf des 20. Jahrhunderts für die massive Reduzierung der Tigerpopulation. Doch bereits zum Ende der Kolonialzeit setzten Maßnahmen zu ihrem Schutz ein.

Der Dichter Friedrich Hölderlin, auch davon berichtet Osterhammel, schätzte die Flughöhe des Adlers, aus der die engen Räume der Menschen wie auch die Weiten der Kontinente erkennbar seien. Die Fähigkeit, diesen Überblick mit profunder Detailkenntnis zu verbinden, gehört zu den Vorzügen des Osterhammelschen Œuvres. Die Form des kurzen Aufsatzes beherrscht er perfekt. In dieser Beschränktheit zeigt sich der Meister.

Jürgen Osterhammel: “Die Flughöhe der Adler; Historische Essays zur globalen Gegenwart”; C. H. Beck, München 2017; 300 S., 19,95 €, als E-Book 15,99 €

Source : http://www.zeit.de/2017/12/die-flughoehe-der-adler-juergen-osterhammel-rezension

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