Spionage aus Liebe zum Vaterland | ZEIT ONLINE

Die jüngste Entwicklung in den deutsch-türkischen Beziehungen klingt unerhört. Der türkische Geheimdienst MİT übergab dem Bundesnachrichtendienst (BND) im Februar eine Liste mit rund 300 Namen von Personen, die angeblich der mutmaßlichen Terrororganisation Feto angehören – und bat Deutschland um Unterstützung. Der MİT wünscht, dass die Personen auf der Liste der Türkei ausgeliefert werden. Doch der türkische Dienst tritt nicht zum ersten Mal mit dem BND in Kontakt. Bemerkenswert ist, dass der BND die Machenschaften des MİT im Zuge der diplomatischen Krise zwischen Deutschland und der Türkei an die Öffentlichkeit hat durchsickern lassen.

Sowohl türkische Spione als auch türkischstämmige Bürger, die in Deutschland leben, haben die Menschen auf der Liste bespitzelt und nach Ankara gemeldet. Dass in Deutschland MİT-Mitarbeiter aktiv sind, um türkischstämmige Bürger “anzuzapfen” und auch als Zulieferer zu akquirieren, ist kein Geheimnis. Neu ist lediglich die ausgespähte Gruppe: nämlich die zum Staatsfeind Nummer eins erklärten Anhänger des Predigers Fethullah Gülen. Und in diesen Verdacht geraten gerade viele – auch jene, die Erdoğan-Kritiker sind und mit Gülen gar nichts zu tun haben. Es reicht inzwischen schon, den Staatspräsidenten zu kritisieren, um als Staatsfeind denunziert zu werden.

Der Bundesregierung ist selbstverständlich bekannt, dass der türkische Geheimdienst auf deutschem Boden tätig ist, so sehr auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) betont, “dass Spionageaktivitäten ausländischer Staaten auf deutschem Boden nicht geduldet werden”. Bisher habe die Bundesregierung “ein Auge zugedrückt”,  meint der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom. Die deutschen Abhörbehörden seien nicht “so blöd”, als dass sie nicht wüssten, wer aus dem diplomatischen Corps zum türkischen Geheimdienst gehört.

Aus Überzeugung gegen die “Feinde der Türkei”

Schmidt-Eenboom schätzt, dass etwa zehn Prozent der rund 8.000 hauptamtlichen MİT-Mitarbeiter in Europa tätig sind. In Deutschland sollen zwischen 350 und 400 aktiv sein. Der auf den türkischen Geheimdienst spezialisierte Experte unterscheidet drei Gruppen von Spionen: erstens die hauptamtlichen MİT-Mitarbeiter, die im diplomatischen Corps beispielsweise als Kultur- oder Wirtschaftsattaché getarnt sind; zweitens Spione, die in Geschäften, Reisebüros, Banken und Moscheegemeinden arbeiten; und drittens die Zuträger, die von den Hauptamtlichen angeworben werden und Informationen liefern. Diese Zuträger unterteilt Schmidt-Eenboom wiederum in zwei Gruppen. Die einen, die sich gar nicht im Klaren darüber sind, Spionen zuzuarbeiten. Die anderen hingegen sammeln aus Überzeugung akribisch Material über die “Feinde der Türkei” und geben sie weiter. Was ein Kinderspiel ist, seit es Smartphones gibt, die Foto-, Video- und Audioaufnahmen ermöglichen.

Wie der türkische Geheimdienst Zulieferer akquiriert, habe ich unfreiwillig selbst erfahren. Und zwar vor etwa 20 Jahren, als ich noch als Journalistin in Hannover arbeitete. Ich hielt es für einen Zufall, dass der Kulturattaché des türkischen Konsulats und seine Frau meine Freundschaft suchten. Ich hatte damals nicht so viele türkische Freunde und freute mich über den Kontakt zu dem sympathischen Ehepaar, mit dem ich Türkisch sprechen und meine “türkische Seite” ausleben konnte. Anfangs trafen wir uns zu dritt oder mit anderen Leuten aus der türkischen Community Hannovers, später wurde ich vom Kulturattaché auch allein zum Mittagessen eingeladen.

Spionagevorwurf – Deutsche Politiker auf türkischer Spionageliste
Der türkische Geheimdienst MIT hat laut Bundesinnenministerium Politikerinnen in Berlin ausspioniert. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann hat Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, gegen den türkischen Geheimdienstes einzuschreiten.

© Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Wir tauschten uns aus über dies und das, auch über politische Themen. Ich bekam auch kleine Geschenke wie etwa ein kleines Aufnahmegerät. Ich habe mir bei all dem nichts gedacht, denn wir Türken sind generös, beschenken uns auch mal einfach so und laden gern Freunde ein. Dass die Freundschaft bewusst angebahnt wurde, habe ich erst später begriffen. Nämlich als ich mit der Frage konfrontiert wurde, ob ich nicht Informationen über Aktivitäten in kurdischen Kreisen zuliefern und den einen oder anderen Artikel veröffentlichen könnte, in dem die Kurdenpolitik der Türkei nicht negativ dargestellt wird.

Ich habe das abgelehnt. Trotzdem traf ich mich nach diesem “unmoralischen Angebot” weiterhin mit dem Konsulatsmitarbeiter und seiner Frau. Komischerweise empfand ich, obwohl ich instrumentalisiert wurde, weiterhin freundschaftliche Gefühle für das Ehepaar.  Erst als der Attaché wieder nach Ankara versetzt wurde, brach der Kontakt ab.

Über die Aktivitäten des türkischen Geheimdienstes wusste ich damals nicht viel. Schmidt-Eenboom sagt, dass Journalisten “von allen Geheimdiensten ausgesprochen gern als Agenten angeworben werden”. Im Gegensatz zu Angehörigen anderer Berufsgruppen würden wir Journalisten uns schließlich nicht verdächtigt machen, wenn wir recherchierten und Nachforschungen anstellten.

Source : http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-03/tuerkischer-geheimdienst-mit-tuerkei-deutschland-bnd-spionage-bundesregierung

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