Langweilig – trotz Le Pen | ZEIT ONLINE

Plötzlich
herrscht Langeweile im französischen Wahlkampf. Noch vier Wochen bis zum ersten
Wahlgang der Präsidentschaftswahlen und es ist die Luft raus, vorläufig zumindest: Der
parteiunabhängige linksliberale ehemalige Wirtschaftsminister Emmanuel Macron
führt inzwischen in fast allen Umfragen, gefolgt von Marine Le Pen, der Chefin
des rechtsextremistischen Front National (FN).

Die Kandidaten der Altparteien,
die Frankreich seit den ersten Wahlen der 5. Republik im Jahr 1959 bis heute
regieren, sind dagegen in den Umfragen weit abgeschlagen. 

Mit den
beiden Gewinnern des ersten Wahlgangs aber scheint auch der Sieger der Stichwahl festzustehen: Wieder ist es Macron, der im direkten Duell mit Le Pen laut
allen Umfragen weit vorn liegt und seine Gegnerin unter die 40-Prozent-Marke
drückt.

Wer den
Umfragen nicht glauben will, entnimmt dem Wahlkampf die gleiche Botschaft. Die
erste Fernsehdebatte der Kandidaten
zeigte am vergangenen Montag Macron und Le
Pen im direkten Schlagabtausch, während den anderen (mit Ausnahme des
rhetorisch überlegenen, aber dennoch chancenlosen Linkskandidaten Jean-Luc
Mélenchon) nur Zuschauerrollen blieben. 

70 Prozent wollen Euro und EU

Schon planen
die Pariser Parlamentsabgeordneten, die fast ausschließlich den Altparteien
angehören, ihre Osterferien wie jedes Jahr. “Alle meine Kollegen gehen in die
Ferien. Das habe ich vor einer Präsidentschaftswahl noch nie erlebt”, sagte
einer von ihnen der Wochenzeitung Canard
Enchaîné
. Denn sonst ging es für die Abgeordneten um diese Zeit im
Wahlkampf um die Wurst. Doch nicht dieses Mal!

Das
politische Wochenmagazin L’Obs erschien in dieser Woche ohne jede Anspielung
auf den Wahlkampf auf der Titelseite. Zu langweilig! 

Tatsächlich
spielt der konservative Kandidat François Fillon derzeit den Alleinunterhalter:
In einer Fernsehsendung am Donnerstagabend nahm er ein windiges politisches
Traktat dreier angeblicher Enthüllungsjournalisten zum Anlass, Präsident
Francois Hollande die Manipulation von Untersuchungsrichtern vorzuwerfen. Die
gelten in Frankreich zwar als besonders unbestechlich. Aber Fillon muss von
seinen eigenen Affären ablenken. Es gelingt ihm nur nicht. Einen Tag später, am
Freitagabend in Biarritz, wollten nur noch 2.000 Menschen den Kandidaten Fillon
sehen. Kein gewählter Abgeordneter der Region begleitete ihn.

Ähnlich
angeschlagen ist aber auch Marine Le Pen. Irgendetwas muss im Wahlkampf
noch geschehen, damit sie wieder eine Siegeschance wittert. Am Freitag besuchte sie
deshalb Wladimir Putin in Moskau: Mehr geht für die französische
Rechtsextremistin im internationalen Geschäft nicht – es sei denn, US-Präsident
Donald Trump gibt ihr noch die Ehre.

Keine Herzensentscheidung

Doch jeglicher
Wahlkampfaktionismus prallt an den Franzosen bislang ab. Denn die
Grunderkenntnis dieses französischen Wahljahrs scheint zu sein: “Tous pourris!”
– “Alle verdorben!” Sie drückt den durch
die vielen Affären des Wahlkampfs neu genährten Politikverdruss der Franzosen
aus. Gleich zwei Kandidaten, Fillon und Le Pen, sind die Richter derzeit auf
den Fersen. Davon profitiert vor allem Macron: “à contrecoeur“, “gegen das
eigene Herz” werde sie ihn wählen, sagt etwa die Pariser Kindergärtnerin meines
Sohnes. Denn mit 39 Jahren halten die meisten Macron eigentlich für zu jung und
unerfahren für die Präsidentschaft. Doch eine Alternative gibt es für Wähler
von Mitte-Rechts bis Mitte-Links nicht mehr. Denn neben Mélonchon ist der
sozialistische Kandidat Benoit Hamon ein weiterer Linksaußen.  

Aber hat Le Pen nicht doch noch eine Chance? 70
Prozent der Franzosen sprechen sich auch in der neuesten Umfrage wieder für den
Euro und die EU aus. Le Pen ist gegen beides. So hat sie die 30 Prozent
Europagegner sicher und damit ihre Teilnahme am ersten Wahlgang. Aber wie will
sie so gewinnen?

“Das ist so wie mit Barcelona gegen Paris nach dem 0-4
Rückstand der Katalanen”, sagt der Lkw-Fahrer Khaled, Franzose algerischer
Abstammung, in unserer Pariser Eckkneipe. Barcelona war theoretisch chancenlos
und gewann kürzlich dennoch das zweite Achtelfinale der Champions League gegen
Paris mit 6:1. Also hat auch Le Pen noch eine Chance. Aber es müssen dann noch
völlig verrückte Dinge passieren und von Langweile dürfte keine Rede sein.

Source : http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-03/wahlkampf-frankreich-marine-le-pen-emmanuel-macron

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