Erzfeind in meinem Büro | ZEIT ONLINE

Amy Richards war gegen den Brexit. “Großbritannien gehört zu Europa”, sagt
die 31-Jährige. Sie weiß, wovon sie spricht. Im Wahlkampf rund um die Volksabstimmung zum
Austritt aus der Europäischen Union leitete sie das Pressebüro der Pro-Europäer. Auch ihr
neuer Kollege James Starkie ist Experte in Sachen Brexit – bloß sieht er die Sache ganz
anders. “Europas Zukunft ist zu ungewiss”, sagt der 35-Jährige. Langfristig werde
Großbritannien allein besser dastehen. Noch vor wenigen Monaten waren Richards und Starkie so
etwas wie Erzfeinde. Denn Starkie organisierte die Veranstaltungen der Brexit-Befürworter. Nun
arbeiten sie in der Londoner PR-Agentur Portland Communications Seite an Seite.

So unterschiedlich wie Richards und Starkie beurteilen die Briten ihr Verhältnis zu Europa schon seit fünfzig Jahren. Und seit der Brexit beschlossene Sache ist, ist das Land noch tiefer gespalten.

Die Spaltung verläuft bei Richards und Starkie direkt durch ihr Büro, das sie sich teilen. Beide haben sich nach dem Votum ihrer Landsleute umorientiert und sind von der Politik in die Beratung gewechselt. Dort gibt es gerade eine Menge Jobs, weil die britische Wirtschaft schwer verunsichert ist. Was wird der Brexit für die Unternehmen bedeuten? Für ihre Lieferketten, Handelsbeziehungen, ausländischen Mitarbeiter? Und wie genau können sie sich darauf vorbereiten?

Am 29. März wird Premierministerin Theresa May einen Brief nach Brüssel schreiben, der den Austrittsprozess offiziell einleitet. Dann haben die EU und Großbritannien genau zwei Jahre Zeit, um sich gütlich zu trennen. Es muss eine neue Wirtschafts- und Handelsordnung entstehen, für die es kein Vorbild gibt.

Brexit-Profis wie Richards und Starkie, die wirklich nah dran sind an den Themen und Akteuren, sind gerade begehrt. “PR-Agenturen, Berater, Wirtschaftsprüfer und Anwälte haben derzeit Hochkonjunktur”, sagt Alan Leaman vom Dachverband der Unternehmensberater in Großbritannien. “Der Brexit stellt jede Branche vor eine Vielzahl von Fragen. Nichts ist so wertvoll wie Klarheit.”



Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.
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So wurde der Brexit von der Glaubensfrage zur Dienstleistungsbasis.

Mit seinem 15-köpfigen Brexit-Team will Portland Communications seinen Kunden “bei der strategischen Planung mit Aufklärung, Analyse und Hintergrundwissen zur Seite stehen”. Außerdem verspricht die Beratung Zugang zu relevanten Stellen und Ministerien in Brüssel und London sowie effektive Lobbyarbeit für die Interessen der einzelnen Firmen. Dafür ist Victoria Dean zuständig, die Chefin von Richards und Starkie. Nach 20 Jahren Arbeit im diplomatischen Dienst hat sie ihre EU-Erfahrungen und Verbindungen mit zu Portland Communications gebracht.

Der Arbeitsalltag von Richards und Starkie besteht bislang vor allem darin, jede Etappe und jedes Zwischenergebnis zu verfolgen und zu analysieren. “Multinationale Konzerne interessieren sich besonders dafür, welche Folgen der Brexit für ihre Niederlassungen in Großbritannien und auf dem Kontinent haben dürfte”, sagt Starkie. Seine Büronachbarin beschreibt die Grenzen ihrer Arbeit: “Wir können detaillierter auf die Situation unserer Kunden eingehen, aber am Ende wissen wir auch nicht mehr als ein Journalist, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt.”

Und wie funktioniert das, wenn man auf einmal mit dem Erzfeind zusammenarbeiten soll?

Source : http://www.zeit.de/2017/13/brexit-befuerworter-gegner-grossbritannien-kooperieren

Auteur : ZEIT ONLINE: Unternehmen – John F. Jungclaussen

Date de parution : 26 March 2017 | 12:25 pm

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