Einzigartiges in Serie | ZEIT ONLINE

Schon beim letzten Mal musste gelost werden. 100 Exemplare seiner
Fotoedition
Zaun
hatte Gerhard Richter dem Kölner Museum Ludwig zu dessen 40.
Geburtstag im vergangenen Herbst zur Verfügung gestellt. Die Gesellschaft für Moderne Kunst,
der Förderverein des Museums, sollte den Erlös aus dem Verkauf erhalten und damit die
Aktivitäten des Hauses fördern. Den Preis pro Exemplar hatte man auf 4.800 Euro festgelegt –
nicht wenig für ein Auflagenobjekt, auch wenn es signiert war. Auch diesmal fanden sich schon
unmittelbar nach Bekanntgabe der neuen Edition so viele Interessenten, dass sich das Museum
schnell für das Losverfahren entscheiden musste. 50 Exemplare wurden unter den
Vereinsmitgliedern, die anderen 50 unbeschränkt verlost. Aus allen Bewerbern wurden dann unter
notarieller Aufsicht die 100 Kaufberechtigten gezogen. Viele Sammler gingen leer aus.



Der Druck “Ella” zeigt Richters Tochter. Das Foto war Vorlage für ein Gemälde.
© Courtesy Olbricht Collection / © Gerhard Richter, 2017

Die Editionen von Gerhard Richter – Grafiken, Fotografien, Künstlerbücher und Objekte – sind
längst zu einem eigenen Sammelgebiet geworden. Weil sich in diesen Arbeiten sein malerisches
Werk widerspiegelt, er aber auch überrascht, konzentrieren sich zahlreiche Sammler bewusst auf
diesen Teil seines Œuvres. Mehrere Editions-Ausstellungen, die in den vergangenen Jahren
gezeigt wurden, haben dazu maßgeblich beigetragen. Den Katalog der ersten Schau – 1970 im
Museum Folkwang in Essen und damals noch ausschließlich mit Grafiken – hat der Künstler selbst
zum Auflagenobjekt erklärt und ins Werkverzeichnis aufgenommen. In 550 Exemplaren gedruckt,
ziert die Titelseite ein Offsetdruck nach einem Holzstich nach einem Gemälde, das die
Schauspielerin Sarah Bernhardt zeigt: ein frühes Richter-Spiel mit Bildern von Bildern von
Bildern, mit der Abbildung von Wirklichkeit also.

Weitere Werkverzeichnisse folgten: 1993 aus Anlass einer Ausstellung in Bremen, 2004 dann die
mehrfach aktualisierte wissenschaftlich erarbeitete Ausgabe von Hubertus Butin. Butin muss
längst auch vor gefälschten Richter-Grafiken warnen: vor dem großformatigen
Mao-Lichtdruck von 1968 zum Beispiel, der auch als billige Offset-Reproduktion mit
gefälschter Signatur angeboten und trotzdem von zwielichtigen oder kenntnislosen Experten als
vermeintliche Originalgrafik zertifiziert wird. Auch die beim Online-Auktionshaus eBay
dutzendfach angebotenen, angeblich handsignierten Postkarten und Poster hat Richter nach
eigener Auskunft oft nie berührt.

Mit dem Pinsel leicht verwischt

In diesem Frühjahr sind die Original-Editionen von Gerhard Richter nach Essen zurückgekehrt.
Noch bis zum 30. Juli ist dort, wieder im Museum Folkwang, eine Gesamtschau aller Arbeiten zu
sehen, die Gerhard Richter mit wechselnden Partnern seit 1965 herausgegeben hat, seit jenem
inzwischen legendären
Hund,
der vor 52 Jahren im Zusammenhang mit einer Ausstellung
in Bad Godesberg in nur acht nachgewiesenen Exemplaren erschien. Weil Richter unmittelbar nach
dem Siebdruck dieses Bildes die noch feuchte Farbe mit einem Pinsel leicht verwischte, handelt
es sich streng genommen um Unikate. Entsprechend bewertet der Markt das Blatt inzwischen: Ein
auf bis zu 30.000 Euro geschätztes Exemplar aus der Sammlung Carl Vogel wurde im Juni 2010 bei
Lempertz in Köln für 216 000 Euro versteigert.

Gerade für Richters frühe Grafiken, die zum Teil in sehr kleinen Auflagen veröffentlicht
wurden und deshalb nur noch entsprechend selten angeboten werden, sind solche Preise keine
Seltenheit. Auch für Blätter, bei denen der Künstler – wie bei den sechs
Schweizer
Alpen-

Motiven von 1969 für die Hamburger Griffelkunst-Vereinigung – selbst Wert auf
einen niedrigen Ausgabepreis legte, oder für die seit 1967 in unlimitierter Auflage immer
wieder gedruckte
Blattecke
von 1967.

Entsprechend tief muss in die Tasche greifen, wer nun das neueste Auflagenobjekt erwerben
möchte, das im Werkverzeichnis der Richter-Editionen die Nummer 173 trägt. Zur Ausstellung in
Essen hat der Künstler sein Gemälde
Schädel
von 1983 in ein 55 mal 50 Zentimeter
großes Foto transformiert, Auflage: 28 plus sieben Künstlerexemplare. Über den Preis will das
Museum ebenso wenig Auskunft geben wie über die Vergabemodalitäten. Dem Vernehmen nach kostet
das Blatt eine höhere fünfstellige Summe. Schon kurz nach Bekanntwerden standen in Essen und
im Atelier des Künstlers in Köln die Telefone nicht mehr still.

Source : http://www.zeit.de/2017/17/gerhard-richter-ausstellung-museum-folkwang-essen

Auteur : ZEIT ONLINE: Kunst – Stefan Koldehoff

Date de parution : 25 April 2017 | 7:03 am

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