Beinahe abwehrbereit | ZEIT ONLINE – 61111

Kein schöner Tag, dieser 25. März 1957. Dauerregen hüllt die Ewige Stadt
in ein beständiges Grau, während sich auf dem Kapitolshügel, im prächtigen Palazzo dei
Conservatori, Konrad Adenauer, der italienische Ministerpräsident und die Außenminister aus
Frankreich, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden versammeln. Sorgfältig setzt einer nach
dem anderen seine Unterschrift unter jene Verträge, die heute als Gründungsurkunden der
Europäischen Union gelten. 60 Jahre später wird Angela Merkel nach Rom reisen und mit ihren
Kollegen an die Unterzeichnung der Römischen Verträge erinnern. Die Staats- und
Regierungschefs werden die Weitsicht ihrer Vorgänger preisen, sie werden den Geist der
europäischen Einigung beschwören. Nur eines wird die Festgesellschaft verschweigen: dass die
junge Gemeinschaft damals, als sie gegründet wurde, ihre erste schwere Niederlage bereits
hinter sich hatte.

Jean Monnet, der Leiter des französischen Planungsamtes, hätte allen Grund gehabt, zufrieden zu sein, als er im August 1950 auf der Île de Ré seine Sommerferien verbrachte. Im Frühjahr hatte er sein großes Projekt, die deutsche und französische Kohle- und Stahlproduktion unter gemeinsame Aufsicht zu stellen, auf den Weg gebracht. Frankreich kämpfte um die Modernisierung seiner Industrie und beobachtete mit Sorge, wie Westdeutschland sich allmählich erholte. Die Montanunion sollte die beiden Länder aneinanderbinden und künftige Konflikte verhindern. Fünf Jahre nach dem Ende des Weltkriegs, erinnerte sich Monnet später, “begannen die Menschen in Europa ruhig genug ihre Vergangenheit und vertrauensvoll genug ihre Zukunft zu sehen, um in ihren gegenseitigen Beziehungen nach neuen Formen zu suchen”.

Nur er selbst fand keine Ruhe. Neben die Furcht vor einer neuen deutschen Übermacht war längst ein zweites Motiv getreten: die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion. Als nordkoreanische Truppen am 25. Juni 1950 die Demarkationslinie zu Südkorea überschritten, war aus der diffusen Bedrohung durch den Kommunismus eine handfeste Gefahr geworden. Und während Frankreich noch nach Wegen suchte, Deutschland einzuhegen, drängten die USA nun darauf, den Westdeutschen die Möglichkeit zu geben, sich gegen einen möglichen Angriff aus dem Osten zu verteidigen.

Monnet erkannte, in welche Zwickmühle sein Land dadurch geriet: Entweder müsste Frankreich der deutschen Wiederbewaffnung zustimmen, oder Paris würde sich zunehmend von seinen Verbündeten in Washington isolieren. Eine heikle Situation. Und so entwickelte er, anfangs tastend, dann immer entschiedener, seinen zweiten grundstürzenden Plan: Nach dem Muster der Montanunion sollte eine europäische Armee entstehen. Nur wenn deutsche Soldaten europäische Uniformen trügen, so die Idee, sei die Wiederbewaffnung für die Franzosen akzeptabel.

Monnet machte sich keine Illusionen, was dies bedeutete. “Kohle und Stahl hatten nur ein Jahrhundert Vorherrschaft hinter sich, die Armee lebt aus uralten Traditionen”, schrieb er 1976 in seinen Erinnerungen. Er wusste, dass es viel verlangt war, “diese Zeichen vergangener Ruhmestaten […] zu einem einzigen zusammenzulegen. Doch ich wollte glauben, dass die Männer und Frauen klug genug waren, um zu begreifen, dass der Augenblick gekommen war, auch dies zu ändern.”



Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 23.3.2017.
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Zumindest gelang es Monnet, den Ministerpräsidenten zu überzeugen, mit dem er gut befreundet war. Am 24. Oktober 1950 schlug René Pleven im französischen Parlament “die Schaffung einer europäischen Armee” vor, mit einem eigenen Verteidigungsminister und einem gemeinsamen Budget. Keimzelle dieser Armee sollte der Brüsseler Pakt sein, den Frankreich, Großbritannien und die Beneluxstaaten 1948 geschlossen hatten, um sich “im Falle eines erneuten deutschen Angriffs” gegenseitig zu verteidigen. Nun sollten die Feinde von gestern integriert werden – unter strengen Auflagen. Nach den Vorstellungen Plevens sollte die Bundesrepublik keinen Generalstab und kein Verteidigungsministerium unterhalten. Und während für die anderen Länder durchaus Truppen außerhalb der Europa-Armee vorgesehen waren, sollte dies für Deutschland nicht gelten. Unklar blieb, wie sich die neue Armee in die Strukturen des Nordatlantikpakts, der 1949 gegründet worden war, einfügen würde.

Die Reaktionen auf den Vorschlag fielen überwiegend kritisch aus. Adenauer bestand auf Gleichberechtigung. Die Amerikaner wähnten ein französisches Ablenkungsmanöver. Der britische Verteidigungsminister sprach gar von “militärischem Blödsinn und politischem Wahnsinn”. Trotzdem begannen kurz darauf in Paris Verhandlungen über eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Frankreich, Italien, Belgien, Luxemburg und die Bundesrepublik nahmen teil, später stießen noch die Niederlande hinzu. Nur Großbritannien blieb schon damals außen vor. Monnet gelang es sogar, den Oberbefehlshaber der Nato, General Eisenhower, von der Sinnhaftigkeit einer europäischen Armee zu überzeugen – obwohl man diese in Paris durchaus als Alternative zur Nato sah.

In Deutschland war die Diskussion Teil der Auseinandersetzung über die Wiederbewaffnung und ein Ende des Besatzungsstatuts. Nachdem er in den Verhandlungen Zugeständnisse erreicht hatte, wurde Adenauer zum entschiedenen Befürworter des Projekts. Im Bundestag sprach er von einer “lebenswichtigen Entscheidung des ganzen deutschen Volkes einschließlich der Deutschen hinter dem Eisernen Vorhang”. Mit dramatischen Worten warnte er: “Für uns würde ein Einbeziehen in die sowjetische Machtsphäre nichts anderes bedeuten als Sklaverei und Ausbeutung, nichts anderes als die Vernichtung alles dessen, was dem deutschen Volk das Leben überhaupt noch lebenswert macht.” Wiederbewaffnung und europäische Armee waren aus Adenauers Sicht schlicht überlebensnotwendig. Monnet hingegen versuchte, die unvermeidliche Wiederbewaffnung Westdeutschlands in ein Schwungrad für die gerade begonnene europäische Integration zu verwandeln.

Source : http://www.zeit.de/2017/13/europaeische-verteidigungsgemeinschaft-evg-armee-geschichte-nato

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