Aktionäre fürchten Abgasskandal bei Daimler | ZEIT ONLINE

Die Frage nach möglichen Manipulationen bei Daimlers Dieselfahrzeugen beschäftigt die Aktionäre des Autoherstellers. “Können Sie Entwarnung geben, dass wir nicht ein Volkswagen 2.0 werden?”, fragte Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Anspielung auf den Abgasskandal bei der Wolfsburger Konkurrenz. Aufsichtsratschef Manfred Bischoff versuchte bei der Hauptversammlung in Berlin zu beschwichtigen: Der Aufsichtsrat habe sich regelmäßig mit Reputationsrisiken befasst, das beinhalte auch die Motorentechnologie – “im Schwerpunkt die Dieseltechnologie”.

Bislang schlagen sich die jüngsten Negativschlagzeilen über Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Abgasmanipulationen bei Dieselautos nicht in den Verkaufszahlen nieder: Das Unternehmen erwartet für die Monate Januar bis März den höchsten jemals in einem Quartal erreichten Absatz.

Daimlers Entwicklungsvorstand Ola Källenius hatte am Vortag vor Journalisten betont, man sehe in den Verkaufszahlen bislang keine Veränderung bei der Dieselquote. Dennoch macht Daimler bei der Entwicklung seiner Elektromarke EQ Tempo: 2019 sollen die ersten Fahrzeuge kommen. Drei Jahre früher als ursprünglich plant der Hersteller nun zehn neue Elektromodelle – bis 2025 soll der Anteil an Elektroautos bei 15 bis 25 Prozent liegen.

Die Autobauer haben die Verkaufsstütze durch Elektroautos nach Einschätzung von Experten bitter nötig. Ferdinand Dudenhöffer vom CAR Institute in Duisburg erwartet, dass sich vor allem Firmenkunden vom Diesel abkehren, wenn die Negativmeldungen anhalten. “Denn keine Firma will wegen ihrer umweltbelastenden Fahrzeugflotte am Pranger stehen”, sagte Dudenhöffer den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Auch Daimler kann sich diesen Schlagzeilen nicht mehr entziehen. Nach einer von der US-Justiz angestoßenen Untersuchung wurden vergangene Woche Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft gegen Daimler-Mitarbeiter im Zusammenhang mit Abgasmanipulationen bei Dieselfahrzeugen bekannt. Daimler betont, der Konzern halte sich an geltendes Recht.

Vorstand nicht entlasten

Einige Aktionäre ziehen das offenbar in Zweifel: Der Stuttgarter Friedens- und Öko-Aktivist Paul Russmann rief für die Kritischen Aktionäre in einem Gegenantrag dazu auf, Vorstand und Aufsichtsrat wegen angeblich zu hoher Abgaswerte selbst bei den neuesten Dieseln nicht zu entlasten. Üblicherweise haben die kleinen Aktionärsvereinigungen aber zu wenig Gewicht, um die Entlastung wirklich infrage zu stellen. Schwergewichtigere institutionelle Investoren wie Union Investment wollen dagegen den Vorstand entlasten – verbinden dies aber mit der Forderung, “Licht ins Dunkel des Lkw-Kartells zu bringen sowie offen und transparent bei Emissionsthemen zu berichten”, wie Fondsmanager Ingo Speich sagte.

Das Lkw-Kartell war von der EU aufgedeckt worden: Die EU-Kommission hatte 2016 gegen die vier europäischen
Lkw-Hersteller Daimler, Volvo, Iveco und DAF wegen Preisabsprachen eine
Rekordstrafe von fast drei Milliarden Euro verhängt. Auf Daimler als
Marktführer entfiel mit etwa einer Milliarde Euro der größte Batzen. Die DSW kritisiert, dass der Aufsichtsrat
keine Schadenersatzforderungen an Manager und Vorstände geltend gemacht
hatte.

Das
Kartell bestand der EU zufolge von 1997 bis zur ersten Razzia der EU
2011. Demnach sprachen sich bis 2004 Mitglieder “der höchsten Führungsebene” am
Rande von Messen oder Konferenzen ab. Der heutige Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche selbst verantwortete von 1999 bis 2000 im Vorstand das Lkw-Geschäft.

Aufsichtsratschef Bischoff sagte, das Kontrollgremium habe schon 2011 eine unabhängige Anwaltskanzlei mit der Prüfung beauftragt, ob Vorstände verantwortlich gemacht werden könnten – und “gegenwärtig von der Geltendmachung von Schadenersatz” abgesehen. “Eine abschließende Entscheidung ist damit nicht getroffen.” Wie Bischoff weiter erklärte, wurden Konsequenzen gegen verantwortliche Mitarbeiter unter der Vorstandsebene gezogen. So seien diese Personen “in Einzelfällen” versetzt, nicht befördert oder entlassen worden.

Source : http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2017-03/daimler-hauptversammlung-diesel-justizministerium-usa

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